In der heutigen Zeit ist es nicht zumutbar, dass wir für eine Woche ohne Zähne sind. Auf die neuen Ansprüche, das heisst schöne und funktionierende neue Zähne so schnell wie möglich zu bekommen, steht die Antwort schon bereit: der sofortige Zahnersatz.

Wir sprechen, nicht nur darüber, mit Dr. Katja Schlee, Implantatspezialistin vom VitalCenter Zürich, wir erörtern auch einige wenig bekannte Detailfragen der Implantatbehandlungen.

Ist die Technik, die es möglich macht, sogar am Tag der Implantatsetzung einen festsitzenden provisorischen Sofortzahnersatz zu bekommen, für jedermann erreichbar?

Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, ja!

Im Falle eines plötzlich auftretenden oder umfangreichen, gut sichtbaren Zahnverlustes lohnt es sich, diese Möglichkeit zu nutzen, denn man kann dadurch vermeiden, dass die sozialen Kontakte des Patienten darunter leiden, psychische Probleme und Schwierigkeiten in der Ernährung und in der Aussprache entstehen. Die All-on-4-Methode ist die Toptechnologie der heutigen Implantatchirurgie, die eine sofortige Lösung bieten kann, auch bei völliger Zahnlosigkeit. Die Anwendung dieser innovativen Technologie stellt mit nur vier oder sechs Implantaten die stabile Befestigung der kompletten oberen oder unteren Zahnreihe sicher. Unmittelbar nach dem Implantieren setzt der Zahnarzt einen sofort belastbaren festen provisorischen Zahnersatz auf die Implantate ein. Der Patient gelangt somit in nur 24 Stunden von kompletter Zahnlosigkeit zum ästhetisch und funktionell perfekten Zahnersatz.

Der sofortige provisorische Zahnersatz dient ausserdem als eine Art Probe. Wenn der Patient in den nächsten Monaten mit der Zahnstellung zufrieden ist, beim Essen und Sprechen keine Schwierigkeiten hat, so haben wir gute Anhaltspunkte bei der Anfertigung des endgültigen Zahnersatzes.

Es ist nicht allgemein bekannt, dass der All-on-4-Zahnersatz von Zeit zu Zeit vom Zahnarzt abgenommen werden muss, um überall dort gereinigt werden zu können, wo es der Patient selbst nicht kann. Für diese kurze Zeit kann der provisorische Zahnersatz eingesetzt werden, sodass der Patient wirklich «keine Minute» ohne Zähne bleibt.

Es kann auch passieren, dass der endgültige Zahnersatz ins Labor muss, weil eine Reparatur notwendig ist oder weil der Patient eine weissere Version möchte. In solchen Fällen ist der provisorische Zahnersatz auch sehr nützlich.

Bei wem wird der festsitzende Zahnersatz nicht empfohlen?

Es gibt Fälle, in denen wir beim besten Willen nicht den All-on-4-Zahnersatz, sondern eine implantatbefestigte, herausnehmbare Prothese vorziehen. Die Anzahl ist allerdings gering. Es hat übrigens simple geometrische Gründe. Man muss wissen, dass vier bis sechs Implantate einen kompletten Zahnersatz befestigen können.

Wäre der hinterste Stützpunkt jedoch wegen zu wenig Knochen nicht weit genug hinten, bekämen die zu weit nach vorn gesetzten Implantate zu viel Kaubelastung. Dadurch könnten die Verblendung oder die Befestigungsschraube brechen. Die herausnehmbaren Implantatprothesen hingegen stützen sich auch auf dem Zahnfleisch ab, genauso wie die herkömmlichen Prothesen. Es existieren auch spezielle Implantate für Patienten, die schon lange ohne Zähne leben. Diese sogenannten Miniimplantate haben das ausschliessliche Ziel, das Gebiss zu stabilisieren. Man muss sie sich als kleine Anker vorstellen, die das Verrutschen der Prothesen verhindern.

Man scheint sich unter den vielen guten und noch besseren Möglichkeiten zu verlieren. Unter welchen Gesichtspunkten helfen Sie den Patienten zu entscheiden?

Ich möchte meine Patienten auf keinen Fall überflüssigen, langwierigen, schmerzhaften Prozeduren aussetzen, die eine lange Heilungszeit haben. Knochenaufbau zum Beispiel – wenn es möglich ist – vermeide ich. Wenn man einer patientenzentrischen Betrachtungsweise folgt, muss man einfache, schnelle, schmerzarme Lösungen anstreben. Beispielsweise noch ein Riesenvorteil des schon erwähnten All-on-4-Konzepts ist, dass sogar bei wenig Knochensubstanz eine vollständige feste Rehabilitation auf Implantate mit Vermeidung von Knochenaufbau erfolgreich durchgeführt werden kann. Das heisst, durch die Anwendung dieser Technik können wir wesentlichen Belastungen durch Chirurgie und auch durch Mehrkosten ausweichen. Natürlich gibt es Situationen, in denen auf Knochenaufbau nicht verzichtet werden kann. Wenn nur 3–4 mm Knochen zur Verfügung stehen, ist das für eine Implantatsetzung ungenügend. Wir brauchen dazu eine Knochenstärke von mindestens 9–10 mm. Es gibt auch extra kurze Implantate, deren Anwendung ist allerdings nur in einzelnen Fällen akzeptabel.

Muss man befürchten, dass die sofortige Belastung der Implantate zusätzliche Schmerzen auslöst?

Die Implantation ist ein chirurgischer Eingriff, der mit Schmerzen und Schwellung der betroffenen Zone verbunden sein kann. Das sollten wir nicht verbergen. Der Grad der Schmerzen hängt allerdings nicht von der sofortigen Belastung ab. Im Inneren des Knochens gibt es keine Nervenendungen.

Nervenbahnen verlaufen zwar im Knochen, aber wenn man sie vermeidet, arbeitet man in unempfindlichem Gebiet. Es ist die Knochenhaut, wo sich die Schmerzrezeptoren befinden. Der Grad der Schmerzen hängt daher von der Grösse der Oberfläche ab, wo der Knochen aufgeklappt wird. Wenn das Aufklappen gerade so klein ist wie der Eingang des Implantats, kann der Eingriff sogar ohne jegliche Beschweren durchgeführt werden. Das ausdrückliche Ziel des All-on-4-Konzeptes ist auch sonst die Reduktion der Beschwerden auf ein minimales Niveau. Bei den sofort belasteten, mit festem Provisorium versorgten Implantaten entstehen oft gar keine unangenehmen Begleiterscheinungen. Die Patienten sind des Öfteren überrascht, wie wenig Schmerzen sie hatten und wie schnell eventuelle Schmerzen vergangen sind. In der Regel erfolgt eine Rückkehr ins Arbeitsleben nach zwei bis drei Tagen, viele Patienten nehmen die Arbeit schon am nächsten Tag wieder auf.

Welche Empfehlung gibt es für Patienten, die vor dem Eingriff unruhig oder besorgt sind?

Wenn man sich die Mühe gibt und mit dem Patienten zusammen seine Besorgnisse und Ängste analysiert, stellt es sich oft heraus, dass eine positive mentale Einstellung und eine gute Information über die Abläufe sehr hilfreich sind. Meistens erübrigt sich der Wunsch nach Vollnarkose und eine Beruhigungstablette genügt. Sie hat 1,5–2 Stunden Wirkung und der Patient hat zwar kein angenehmes, aber zumindest ein schmerz- und stressfreies Erlebnis.